erschienen im Sterngucker
Da ist mir doch kürzlich folgendes passiert
oder sollte ich besser sagen widerfahren. Aber da in unserem Quartier ab
Mitternacht nicht mehr gefahren wird, (Nachtfahrverbot) erübrigt sich
das wohl. Wie auch immer, eines schönen Abends, also gegen Morgen hin,
mache ich mich, zu Fuss natürlich, auf den Heimweg. Wieder einmal konnte
ich erfahren, Entschuldigung, erleben, wie speziell und schön unser
zu Hause hier an der Aareschlaufe ist.
Mit den müden Gliedern schon fast zu Hause, aber in Gedanken immer noch
in der Loge der Broncos schlendere ich über den Mühlenplatz in Richtung
Zähringer. Vor dem Silo stehen die jugendlichen Nachtschwärmer brav
in einer Zweierreihe, um endlich an den Security Leuten vorbei in das Lokal
ihrer Träume und Drinks zu kommen. Das Fischerstübli und das nahe
Santorini liegen im Halbdunkel, die auf den Tischen aufgereihten Stühle
recken die Beine wie zum Schwur drohend gegen die Decke. Es ist eine laue Sommernacht
und überall treffe ich Leute, die sich ebenfalls schwer tun mit dem Gedanken
schon nach Hause zu gehen. Man grüsst sich, sucht das Gespräch
um die Zeit zu nutzen, oder ein wenig aufzuhalten.
In der Schifflaube, kurz vor dem Zähringer, machen sich zwei vermummte
Gestalten daran einen Laubenbogen mitsamt dem Schaufenster des Ladenlokals,
mit einer Alusilber-Farbe zu grundieren. Mit geübten Griffen und ohne
ein Wort zu sprechen werden die Spraydosen aus dem kleinen Rucksack genommen,
kurz geschüttelt und wenn sie leer sind achtlos fallen gelassen. Schon
bald können sie mit dem eigentlichen bunten Graffiti beginnen. Während
die metallfarbene Grundierung trocknet, gönnen sie sich kurz eine Zigarette,
schütteln aber gleichzeitig die restlichen Dosen mit den farbigen Verschlussdeckeln
in Bereitschaft.
Leise, wie eine Raubkatze schleicht auf allen Vieren ein Polizeifahrzeug
im Schritttempo und Standgas durch die Matte. Durch die halb geöffneten Seitenfenster
des Volvo dringen die beissenden Treibgase und die Lösungsmittel der Spraydosen
in das Wageninnere. Am Ende der Lauben, kurz vor dem Zähringer, wird der
schwere Wagen angehalten und zwei uniformierte Beamte steigen aus. Der ältere
Typ wasserfällisch kompromisslos hüstelt ein wenig «Souerei,
die Farbe chraue mi gäng so im Haus hinger.» Der jüngere, ganz
begertsche Biederkeit, klopft nervös an seinem Kittel herum, «das
chasch grad aus wieder gä z`reinige.» Fast ein wenig lässig
nähern die beiden Polizisten sich den vermummten Typen. «Sicher
spricht keiner ein Wort Deutsch», ärgert sich der eine «Öppe
no nacheseckle mani de gar nid», zischt der Ältere leise. Ich befinde
mich nun zwischen den emsig arbeitenden Laubenverschönern und der städtischen
Hermandad, werde aber von beiden Parteien nicht beachtet. Ein glücklicher
Umstand, der mit fortschreitendem Alter von selbst kommt, denke ich für
mich. Doch dann sehe ich den wahren Grund für das Desinteresse an meiner
Person.
Auf der anderen Strassenseite, also Aareseite, dort wo die Fischkästen
unter dem Röhrengeländer still vor sich hin faulen ist eine sonderbare
Gestalt auf einem zweiräderigen Vehikel aufgetaucht. Das Motorrad, eine
aufgemotzte Harley älteren Jahrgangs, gleitet völlig unerwartet und
geräuschlos in Richtung Matte. Genau auf der Höhe der Polizei, welche
nun die renovierte Laubenpartie erreicht hat, wird das chromblitzende Ungetüm
angehalten. Mit elegantem Schwung löst sich der fremdartig gekleidete
Fahrer von seiner Maschine und stellt sich genau zwischen Polizei und Malerei
und spricht, für mich nicht verständlich, auf die vier Personen
ein.
Die Beamten scheinen der neuen Situation nicht ganz gewachsen zu sein und
tun das, was sie in solchen Fällen immer tun, sie nehmen die Personalien
auf.
«
Was, keinen Führerausweis», höre ich den älteren, immer
noch mit den Farbdämpfen kämpfenden, zwischen einem Hustenanfall
hervorpressen. «Haben Sie wenigstens einen Namen?» Dann folgt ein
Hin und Her zwischen den beiden Uniformierten, von dem ich nur Bruchstücke
mitbekomme. «
«
Ist nun Hermes der Vorname oder Merkur, und was heisst ich fahre nicht durch
die Matte? Wollen Sie uns für dumm verkaufen, fliegen Sie vielleicht auf
Ihrem Motorrad?» Der mit Hermes und Merkur Angesprochene, den goldenen
Helm mit den seitlichen Flügeln immer noch auf dem Kopf, scheint ein hervorragender
Redner und Vermittler zu sein. Er spricht auch für die beiden Sprayer,
welche unserer Sprache wirklich nicht mächtig scheinen, und dies in einer
Art, dass plötzlich alle einander verstehen. Das Graffiti wird zusehends
bunter und unter den Erklärungen des fremden Motorradfahrers sogar von
den Gesetzeshütern verstanden.
Eine fast feierlich-friedliche Ruhe ist eingekehrt, der wasserfällische
Hardliner vergisst das Husten und der Bieder-Begertsche setzt sich mit seiner
sauberen Uniformhose sogar auf einen Sandsteintritt, um das Werk besser begutachten
zu können. Die «Maler» beenden ihr Werk und verlassen den
Schauplatz in Richtung Mattentreppe, nicht ohne noch einmal den beiden Beamten
freundlich zuzuwinken.
«
So, und nun noch zu Ihnen und ihrem sonderbaren Gefährt. Und das mit der
Matte-Durchfahrt muss auch noch geklärt werden.» Nach diesen Worten
des Beamten scheint es noch einmal spannend zu werden und ich begebe mich
ebenfalls zum Motorrad.
«
Erstens gilt das Verbot nicht für Motorräder und zweitens bin ich
noch nie durch die Matte und auch nicht durch andere Quartiere gefahren.» Mit
diesen Worten setzt sich der Behelmte auf seinen Fahr- oder ist es eher ein
Fluguntersatz? Die Flügel an den Stiefeln fallen mir erst jetzt auf und
auch die Felgen ohne Pneus. Lautlos wie er gekommen, schwebt er davon, die
verchromten Räder knapp über dem Asphalt. Erst auf der Höhe
des Matteschulhauses gibt er richtig Gas und verschwindet hoch über
der Broncos Loge in Richtung Rosengarten.
Auf meinem Weg nach Hause der Aare entlang, lasse ich noch einmal alles Revue
passieren und da fällt es mir wie Schuppen vom Kopf. Das hatten wir
doch schon in der Schule gelernt.
Wie genial hat der Fremde, mit dem Flügelhelm, doch zwischen Graffitikunst,
Nachtfahrverbot und Polizei vermittelt! ...
Natürlich das war Hermes, (röm. Merkur) der uns hier besucht hatte.
Hermes ist der Gott des Denkens, der Redekunst, und auch der Kommunikation.
Schön, wenn Hermes ab und zu vorbeikäme, es gäbe noch viel
zu reden und zu vermitteln…